Zeit Magazin

Schauspielerin Nina Kunzendorf:

"Ich wünschte, ein Tag hätte doppelt so viele Stunden"


Die Schauspielerin Nina Kunzendorf empfindet ihr Leben manchmal als traumhaft, allerdings sind ihr die Tage viel zu kurz und viel zu schnell vorüber.

Abends sitze ich am Bett meines kleinen Sohnes und spreche mit ihm, bevor er einschläft: "Ich habe Angst", klagt er. Dann erinnere ich mich daran, dass ich mich als Sechsjährige wie er vor dem Einschlafen gefürchtet habe. Ich konnte mir nicht vorstellen, wo ich in meinen Träumen sein würde. Würden meine Schwester und meine Familie dort sein? Bevor ich mein Tagesbewusstsein verlor, fragte ich meine Mutter: "Was, wenn ich bei anderen Eltern aufwache?" Meine Angst davor, loszulassen, wuchs aus dem Gefühl, dass ich mich nach meiner Welt, die man dann als Traumwelt bezeichnen müsste, zurücksehnen würde. Heute erst weiß ich, wie schwer es ist, meine Frage zu beantworten.

Irgendjemand erzählte mir später einmal vom Glauben der Indianer. In ihrer Kultur ist man der Überzeugung, dass wir uns in unseren Träumen in der Wirklichkeit bewegen. In manchen Stämmen half man mit allerlei Giften und stimulierenden Naturdrogen nach, damit möglichst fantasievolle Traumvariationen erlebt werden konnten. Für die Indianer ist das Leben viel mehr als eine physische Realität. Es ist ein körperlich-sinnlicher Traum. Tatsächlich empfinde ich mein Leben manchmal als traumhaft. Fast jeder Tag ist schnelllebig, intensiv. Und leider meist viel zu schnell vorüber. Oft erscheint mir diese Realität so fantastisch, dass ich wünschte, ein Tag hätte mehr, ja möglichst doppelt so viele Stunden.

Stünde mir jeden Tag mehr Lebenszeit zur Verfügung, würde ich sicher einen Teil davon in Paris verbringen. Vielleicht im 18. Arrondissement? Voilà! Bald könnte ich fließend Französisch sprechen. Meine winzige Wohnung läge hoch über den Dächern, mit einem weiten Blick über Montmartre. Einen anderen Teil der Zeit würde ich auf dem Land leben, auf einem einfachen Gehöft, mit großem Gästehaus. Im Stall stünde ein Esel. Ständig wäre Besuch im Haus, Freunde und auch solche Leute, von denen ich mir bisher nicht vorstellen konnte, mit ihnen an meinem langen Tisch zu sitzen und Apfelkuchen zu essen. Eine ordentliche Portion Extrazeit würde ich guten Gewissens verstreichen lassen. Zum Beispiel, um morgens einfach aufzuwachen und in den Tag zu schwappen, ohne zu wissen, wo ich lande.

Diese Träume kommen, ganz unindianisch, immer im Alltag. Wo ich in meinen nächtlichen Träumen bin, weiß ich noch immer nicht. Wenn ich schlafe, umfängt mich tiefe Stille und Raumlosigkeit. Beim Aufwachen, nach dem nächtlichen Leerlauf, habe ich kaum Erinnerungen. Den Indianern zufolge gehen wir beim Einschlafen und Aufwachen, bei Geburt und Tod durch Pforten zwischen Raum und Zeit. Einige dieser Türen aber bleiben verschlossen, und das ist gut so. Mein Leben ist der Traum. Und noch möchte ich nicht aufwachen.

Nina Kunzendorf

40, ist Schauspielerin und Mutter zweier Kinder. Anfang Oktober wurde sie für ihre Rolle in dem Film In aller Stille mit dem Deutschen Fernsehpreis als beste Schauspielerin ausgezeichnet. Seit Mai ermittelt sie, neben Joachim Król, als Tatort-Kommissarin Conny Mey. Am 5. Dezember ist sie im Fernsehfilm Liebesjahre an der Seite von Iris Berben zu sehen (ZDF, 20.15 Uhr)

 

Online lesen: http://www.zeit.de/2011/49/Traum-Nina-Kunzendorf

© Foto: Sigrid Reinichs