GeoSaison

Einen Luxusurlaub wie auf den Malediven macht man oft nur einmal im Leben. Und dann ausgerechnet mit Kind? Unbedingt! Je jünger man das Paradies erlebt, desto besser: Das Beste sollte man nie bis zum Schluß aufheben... 

20 Minuten. Länger brauchen wir nicht, um Velassaru zu Fuß zu umrunden. »Rechts rum oder links rum?«, will unsere Tochter jedes Mal wissen, wenn wir die klimatisierte Strandvilla verlassen. Eine gute Frage, denn Velassaru ist 350 mal 500 Meter klein. Als wir zuhause im Computer ein Bild der Insel anschauten, wurde Skye für einen Moment ganz still – was in ihrem Fall wirklich etwas heißen will. Dann, etwas ungläubig, sagte sie: »Ist das alles, nur dieser winzige Sandfleck? Und drum herum nichts als Meer? Was machen wir denn da die ganze Zeit?« sagt sie. Und: »Da können wir ja locker herumlaufen!« Und genau das tun wir jetzt, manchmal mehrmals am Tag.

Velassaru liegt am nördlichen Rand des Süd-Male-Atolls, eine von insgesamt 1190 Malediven-Inseln. Die Reise zu dritt kostet so viel wie ein halber Kleinwagen. Lohnt sich das? Hätte das Kind nicht genauso viel Spaß an der Ostsee oder an der Adria? Mag schon sein, aber schon in der ersten Minute merken wir, wie die weiche Tropenluft, das durchsichtige, schillernde Wasser, die pastelligen Farben von Himmel, Indischem Ozean und Häusern nicht nur uns Erwachsene beeindruckt, sondern auch unsere Tochter, die sehr genau registriert, dass alles anders ist als Zuhause. »Hier ist es immer warm? Auch im Winter? Auch, wenn es regnet? Und muss ich wirklich nie einen Pulli anziehen und nicht mal Schuhe?«

Auf Velassaru ist alles Sand, der Boden im Restaurant, die Wege, der Strand sowieso, und selbst der Sternenhimmel wirkt, als ob Abermillionen Körner am Himmel glänzen. Mit den Einsiedlerkrebsen, die am Strand nach neuen Muscheln suchen, freundet sich Skye schon am ersten Abend an, als wir im Dunkeln am Meer entlang zum Restaurant spazieren. Sie sortiert sie nach Größe, veranstaltet Wettrennen, bietet ihnen neue Häuser an. Und wir sitzen einfach nur im warmen Sand und staunen über die hellen Sterne, die vielen Sternschnuppen und die liegende Mondsichel, die so viel Licht gibt, dass selbst die Krebse Schatten werfen.

Am nächsten Morgen treffen wir Gabriela Velazquez-Chavez. Wir sammeln gerade milchweiße Muscheln, als die Mexikanerin aus dem Wasser auftaucht, den schlanken Körper in nass glänzendes Neopren gezwängt. Gemeinsam mit ihrem Mann Pascal Wijnen betreibt sie die Tauchschule „Silver Sands“. Und als Meeresbiologin kann sie ziemlich streng sein.

»Keinen Sand einsacken, auch keine Muscheln«, kritzelt Skye ein paar Minuten später schuldbewusst in ihr Inseltagebuch. Beides ist auf den Malediven nicht gern gesehen, die Ausfuhr der Korallen sogar verboten. »Wenn jeder nur eine Handvoll mit nach Hause nimmt«, erklärt Gabriela, »fehlen uns auf den Inseln bald Tonnen von Muschelkalk und Sand.«

Gabriela geht mit uns auf Schnorchelsafari. Kapitän Shiha, Ende 20, scharf geschnittene Züge und vom Wind zerzauste Haare, fährt das Boot hinaus aufs Meer. Irgendwann wechselt die Wasserfarbe von funkelndem Türkis zu einem tiefen Samtblau: Wir sind am Ziel, am Rande des Riffs. Ein Sprung vom Deck des kleinen Bootes, und wir fühlen uns, als hätte Shiha uns in einem riesigen Aquarium ausgesetzt.

»Was sind denn das für Riesenteller?« staunt Skye, als sie nach der ersten Schnorchelrunde ihre Maske abzieht. Unter uns liegt ein Teppich aus Tischkorallen, jede von ihnen gut ein Meter im Durchmesser. „Die sind gerade mal ein paar Jahre älter als du“, erklärt Gabriela. Riesenkorallen seien ein Zeichen dafür, dass sich die Riffe erholen würden. Das Klimaphänomen „El Niño“, eine wiederkehrende Wetteranomalie, die die Meeresströmungen verändert, sorgte vor allem 1998 für eine dramatische Wassererwärmung. Weltweit starben Korallen. „Damals sah der Meeresboden hier aus wie eine Mondlandschaft.“

Der tropische Schnorchelausflug wird ganz nebenbei zu einer spannenden Biologie-Lektion. Korallenriffe gehören zu den artenreichsten, aber auch empfindlichsten Ökosystemen der Erde. Nur in den gleichmäßig warmen, klaren und lichtdurchfluteten Gewässern der Tropen produzieren winzige Organismen Unmengen von Kalk, und zahllose Untermieter wie Algen, Schwämme und Fische machen sich das zu Nutze. So entsteht ein einzigartiges, komplexes Universum. »Gib mir deine Hand«, sagt Gabriela zu Skye. Also: Maske aufsetzen und den Schnorchel ausblasen. Vertrauensvoll folgt meine Tochter der Tauchlehrerin ins Meer, das an dieser Stelle gut zehn Meter tief ist – 20 Schnellbootminuten entfernt vom nächsten Festland. Angst? Unsicherheit? Von wegen. »Habt ihr den Kofferfisch gesehen«, ruft Skye prustend, als sie auftaucht. Haben wir. Auch einen kleinen Schwarzflossenhai, der dicht an uns vorbeigezogen ist.

»Korallenriffe schützen die Malediveninseln wie natürliche Deiche«, erzählt Gabriela, als wir wieder im schaukelnden Boot sitzen. Sie zu betrachten und zu fotografieren sei schon in Ordnung, jedoch nicht, etwas abzubrechen. Das dürfen traditionell nur die Einheimischen, von denen einige wenige heute noch ihre Häuser aus Korallenkalk bauen.

Mit einem künstlichen Riff will Gabriela dem Korallenwachstum vor Velassaru neuen Boden bereiten. Auf dem Heimweg zeigt sie uns Betonpfähle, mit denen die Wasserbungalows dicht vor der Insel verankert werden: »Dort soll eine Unterwasserplantage wachsen.« Korallen seien ausgezeichnete Sauerstoff- lieferanten, sagt sie. Obwohl die Photosynthese für eine Drittklässlerin eigentlich noch kein Thema ist, will Skye bei diesem Projekt unbedingt mitmachen.
Doch als angehende Riffgärtnerin muss sie zunächst tiefer in die Materie eintauchen. Mit Neoprenanzug und Pressluftflasche verwandelt sie sich in einen „Bubblemaker“. In diesem Kindertauchkurs lernt Skye weit mehr als das Blasenmachen: Sie übt, unter Wasser ruhig und gleichmäßig zu atmen. Nach etwas Theorie – Pascal, der belgische Lehrer, spricht fließend Deutsch – und ersten Versuchen in seichter Ufernähe geht es auf etwa zwei Meter hinunter. Beim Abtauchen nimmt Gabriela ihre Schüler an die Hand.

»Kinder haben einen unglaublichen Instinkt«, sagt sie, »sie passen sich dem neuen Element schnell an.«

Skye taucht auf, tropfend und glücklich: »Wir haben Frisbee gespielt – auf dem Meeresboden!« Sie spuckt einen Mund voll Salzwasser aus, »das glaubt mir doch zuhause keiner!« Gleich darauf taucht sie wieder ab, und kugelt sich im Wasser, schlägt Purzelbäume in der Tiefe. Mir wird schon vom bloßen Zuschauen schwindelig. Bevor die Luft in ihren Flaschen aufgebraucht ist, zückt Gabriela einen kleinen Zeichenblock aus Plastik. Skye sitzt mit ihr im Schneider- sitz auf dem Grund und zeichnet: Picasso-Drückerfische, Einhornfische, ein paar kleine Haie.

Wenige Tage und einige Unterwassertouren später gibt Gabriela grünes Licht für den Tauchgang ins Plantagenprojekt. Im Halbschatten auf dem hölzernen Bootsanleger bindet sie lebendige Korallenstücke auf ein stabiles Drahtgestell. Gabriela hat sie extra in Form einer Schildkröte von einem Ingenieur zusammenschweißen lassen. Als die Drahtschildkröte dick bepackt ist, gibt sie Skye das Kommando zum Abtauchen. Luftblasen steigen auf, während das Konstrukt im sandigen Meeresboden verankert wird.

Kuramathi, etwa 80 Kilometer nordwestlich von Velassaru, gilt auf den Malediven als Vorreiterin im Umweltengagement. Mit dem Schnellboot düsen wir für ein paar Tage zu der Insel im Rasdhoo-Atoll. Vor zwölf Jahren, lange bevor die Trendwelle auch andere Resorts erreichte, schrieb der einheimische Inselmanager die Stelle eines Marinebiologen aus. Diese Anzeige erreichte Dr. Reinhard Kikinger an der Universität von Wien. Jetzt leitet er die Biostation von Kuramathi, eine Art Urlaubsuniversität für Inselgäste.

Tagsüber sind wir eher faul: Wir schnorcheln am Riff, in dem Rochen und die immer seltener werdenden Hammerhaie zuhause sind. Oder liegen im Schatten auf unserer Veranda herum und wissen manchmal gar nicht, wo unser Kind ist. Skye hat innerhalb weniger Stunden die ganze Insel erkundet, grüßt die Kochbrigade und die Zimmermädchen und fühlt sich dank der übersichtlichen, kindersicheren Umgebung sofort wie zu Hause. Ich lasse mich im Spa massieren, einem luftigen Wasserbungalow mit Meerblick.

Als es dunkel ist, schaltet Reinhard Kikinger in der Biostation seinen hoch betagten Computer an. Alles dreht sich jetzt um das Ökosystem Korallenriff. Dr. Reinhard, wie er auf der Insel genannt wird, spricht abwechselnd deutsch und englisch. Sein Schreibtisch steht im weichen Inselsand, Muscheln und seltene Krustentiere füllen die Regale hinter ihm. Lilly, seine Ehefrau, justiert das Mikroskop und präpariert die Sandproben. Skye, vom Schnorcheln todmüde, versucht krampfhaft, Augen und Ohren offen zu halten, was ihr nicht wirklich gelingt.

Zurück in Deutschland erklärt Skye ihren Freundinnen, warum sie keine Muscheln als Souvenir hat. Wirklich traurig ist sie darüber nicht. Stattdessen hat sie ein anderes Bewusstsein mit nach Hause gebracht. Und am letzten Tag etwas ganz anderes in ihre Tasche gestopft: die leeren Batterien der vielen Inselmitarbeiter, die Dr. Reinhard Monat für Monat in seiner Biostation sammelt, um sie den Touristen mit auf den Weg nach Hause zu geben. 8000 Kilometer von den Malediven entfernt etwas für den Inselumweltschutz zu tun: Schöner konnte dieser Urlaub für Skye nicht enden. 

Alle Fotos: Sven Laabs Photography  www.svenlaabs.com