Laviva

Hallo Kunst, wir kommen! 


Venedig lockt mit grandioser Lage, prächtigen Palästen, romantischen Gondeln und – mit der Biennale. Nur: Ist das Spektakel ein reiner Erwachsenenspaß oder lassen sich auch Kinder für die Kombi »Kunst und Stadt« begeistern? Unsere Autorin holte ihre beiden Töchter ins Boot – volle Fahrt voraus!
 

 

»Aber wir gehen nicht ins Museum!«, quengelt Lynn, meine Jüngste, 5, nun schon zum x- ten Mal. »Versprochen«, antworte ich. Müssen wir ja auch nicht. Venedig hat nämlich einen ganz besonderen Draht zur Kunst. Seit ziemlich genau 118 Jahren findet hier alle zwei Jahre – auf italienisch biennale – eine der bekanntesten Kunstausstellungen der Welt statt. Anfang Juni verwandelt sich die Lagunenschönheit in eine einzige Galerie- und Ausstellungsfläche. Dogenpaläste und Kirchen, abgetakelte Schiffswerften und herrschaftliche Museen werden zur magischen Kulisse für eine Inszenierung, die bis zum späten Herbst andauert.

Zum ersten Mal war ich als Teenager hier. Ausstellungen waren nicht mein Ding, doch meine Eltern – begeisterte Biennale-Fans – schleppten mich einfach mit. Irgendetwas müssen diese Kunsttrips bewirkt haben. Mittlerweile komme ich so oft es geht hierher – allein. Denn wenn meine Töchter Skye und Lynn bloß in die Nähe einer Ausstellung kommen wird sofort gemeckert. »Öde, langweilig, keine Lust« sind noch die harmloseren Kommentare. In Venedig wird das anders, hoffe ich. Zur Verstärkung ist meine Schwägerin Carolin, mit Sophie und Max, 11 und 12, dabei. Die Stadt Venedig aalt sich in der Son- ne und hält ihre Mauern ins Licht. Ihr Duft ist schwer vom Geruch des Meeres. In dunklen Kanälen und Wasserstraßen spiegeln sich Paläste und verschnörkelte Brückengeländer. Ihre Prinzessinnen-Pracht entlockt den drei Mädels einen Jauchzer nach dem anderen. Max, meinen Neffen, lässt sie kalt. Ihn interessiert viel mehr, wann die Stadt endlich ins Wasser »crasht«.

Carolin und ich schauen uns zweifelnd an: Ob es uns wirklich gelingt, die Kinder für Bilder und Skulpturen zu begeistern? Um nicht im Touristentrubel unterzugehen wählen wir als Startpunkt eine Pension auf Murano. Zur Biennale strömen täglich Tausende zusätzlich in die Lagunenstadt. Dann ist die kleine Insel im Norden von Venedig fast eine stille Oase. Unsere Pensione Conterie hat verwinkelte Zimmer mit Brokattapeten, dazu gewaltige Leuchter aus dem berühmten Glas an der hohen Decke: pastellfarbenes Glas mit Vögeln, Fabelwesen und Blüten besetzt, die aus den Leuchterarmen zu wachsen scheinen. »Schöön«, findet Lynn. Na, immerhin.
Die Pensione liegt in der Nähe eines Kanals, der die Insel schlangenförmig in zwei Teile spaltet. Murano hat, wie Venedig, seinen eigenen Canal Grande. Von hier fahren Vaporetti zum Markusplatz, zu der berühmten Rialtobrücke oder den Giardini, wo ein Teil der Biennale statt- findet. Weil wie so häufig die Vaporettokapitäne streiken, gönnen wir uns ein Wassertaxi. Es ist braun, schnittig und hat fast 400 PS unter der Motorhaube. Kapitän Armando, Mitte siebzig, mit lässiger Silbermähne und noch üppigerem Brusthaar gesegnet, das ihm aus dem Kragen seines Poloshirts sprießt, bringt uns zu den Giardini.

»Ciao, ragazzi, benvenuti alla Biennale!« Stadtführerin Susanne wartet schon auf uns. Weizenblonde Haare, dunkle Sonnenbrille – natürlich das Modell eines italienischen Modeschöpfers – und praktische Trekkingsandalen an den Füßen. »Wenn ihr Venedig entdecken wollt, müsst ihr gut zu Fuß sein«, riet sie in ihrer Mail, als wir uns für eine Biennaletour mit Kindern verabredeten. Die Wahlvenezianerin kommt aus dem Ruhrgebiet und lebt seit vielen Jahren in Italien. Der Liebe wegen: Sie heiratete einen Römer, mit dem sie vier Kindern hat.

Die Giardini sind angenehm schattig. Eine Brise grüßt vom Meer herüber. In diesem ältesten Biennalebereiche liegen 29 Ausstellungspavillons in einem Park. Jeder wird seit Jahrzehnten vom gleichen Gastgeberland bespielt. Der deutsche zum Beispiel, mit vier hohen rechteckigen Säulen vor dem Eingang, ist Christoph Schlingensief gewidmet, dem verstorbenen deutschen Künstler. Das Innere ist wie eine Kirche gestaltet. Ein Videobeamer wirft Bilder eines verwesenden Hasen an die Wand. Leben und Tod, ungeschönt. Zu starker Tobak für die Vier? Flüsternd und völlig vertieft hocken sie neben Susanne in der Kirchenbank. »Ist das eklig«, murrt Lynn, blickt aber weiter gebannt hin. »Komm mit«, raunt Sophie und zieht Skye zu einem Altar mit Kerzen. Susanne beantwortet geduldig alle Fragen, während Carolin und ich Zeit haben, uns in Ruhe umzusehen. Wieder in der Sonne, entdeckt Max vor dem dänischen Pavillon ein mannshohes Megafon. »Speech matters«, lesen wir auf der Tafel daneben. Jeder ist eingeladen, sich mitzuteilen. Lynn findet das Teil eher lustig. »Willkommen auf der Bionade!«, kreischt sie laut hinein. Ich locke sie weiter, weil gewichtig dreinschauende Kunstbesucher schon irritiert zu uns herübersehen. Ein Eis? Ein Eis!

Wir lassen uns von den Giardini Richtung Markusplatz treiben, um auf einer der vielen Brücken unser Gelato zu schlecken. So modern die Kunst ist – in dieser Stadt ist es bloß ein Katzensprung zurück in die Vergangenheit. Susanne beschreibt, wie Verbrecher in der Stadt, die einst auf hölzernen Pfählen gebaut wurde, im nahe gelegenen Dogenpalast verurteilt und über die Seufzerbrücke ins Gefängnis nebenan gebracht wurden. Max verpasst kein Wort. Skye und Sophie gähnen müde, als wir endlich bei Armando am Anleger eintrudeln. Wie’s war? »Schon cool«, findet Skye.
Unser Kapitän bringt uns zurück nach Murano, der Insel der Glasbläser. Vor hundert Jahren wurden die Handwerker vom Dogen persönlich aus Venedig verbannt, weil ihre offenen Feuerstellen, in denen sie das glühende Soda-Quarz-Gemisch erhitzten, verheerende Brände verursachten, wissen wir von Susanne. Aber eigentlich wollte er so ihre Kunst vor Nachahmern schützen. Den Glasbläsern war es bei Todesstrafe verboten, Murano zu verlassen.

Mit wohligem Schaudern tuscheln die Kinder weiter, während wir zum Campo S. Bernardo schlendern, wo wir bei Pasta und Wein noch lange draußen sitzen. Weißhaarige Männer im Unterhemd genießen still die Abendsonne und betrachten versonnen, wie ihre Enkel einem Ball nachjagen.

Morgen geht es zum Arsenale. In den alten Werften wurden früher unter strengster Geheimhaltung Schiffe für die Marine gebaut, jetzt sind dort Gemälde und Skulpturen ausgestellt. Denn wir wissen ja jetzt: Wenn es darum geht Kunst zu entdecken, brauchen die Kinder Grusel und Abenteuer. Sollen sie haben!

Alle Fotos: Viktoria Huber, http://www.victoriahuber.de