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Tikoulou charmiert Mauritius

Für mauritische Jugendliche ist Tikoulou, Hauptfigur einer erfolgreichen Buchreihe, ein alter Vertrauter. Auch deutschen Kindern kann er die Trauminsel nahebringen.


Für Kinder hat die Insel mehr zu bieten als nur Strand.

»Du immer mit deinem Licht«, sagt meine zwölfjährige Tochter, als wir im Sonnenaufgang durch dichtgrüne Zuckerrohrfelder in den bergigen Norden der Insel kurven. »Farben satt«, denke ich. Endlich raus aus dem Grau zu Hause, das sich im Herbst wie eine dunkle Brille über die Tage schiebt. Aber ich weiß, meinem Fast-Teenager ist das ziemlich schnuppe. In dem Alter will man ins Meer springen und am Strand Herzen in den Sand malen, die via Instagram mit den Freundinnen zu Hause geteilt werden.

Wir checken ein. Das Hotel liegt in Balaclava, ein paar Buchten entfernt von der Hauptstadt Port Louis. Dunkles Holz, schimmernde Stoffe. Vor unserer Terrasse der Strand. Korallen häufen sich zu kleinen Hügeln und es duftet modrig süß nach Tropenhitze. 

»Schau mal, was ich entdeckt habe«, sagt meine Tochter. Wir stehen nach einem Rundgang wieder an der Hotelrezeption und planen einen Abstecher in den Botanischen Garten von Pamplemousses. Sie zeigt auf einen Stapel. Neben beeindruckenden Fotobänden über Mauritius und die Nachbarschönheit Rodriguez liegen ein paar Bilderbücher. Tikoulous Abenteuer, illustriert von Henry Koombes.

»Tikoulou ist bei unseren Kindern ein Held«, sagt Jean Michel, unser Guide vom Mauritianischen Tourismusbüro. Jean spricht fließend Englisch und Französisch und legt beruflich jeden Tag rund 300 Kilometer auf seiner Insel zurück. Seine Söhne, 10 und 11, sind fast so alt wie Tikoulou. »Echte Rabauken«, grinst der Papa. »In ihrer Lieblingsgeschichte macht Tikoulou den Botanischen Garten unsicher.«

Tikoulous Abenteuer umfasst 18 Bände und ist auf Mauritius mit rund 250.000 verkauften Exemplaren ein Bestseller. Wir machen uns mit Jean Michel auf Spurensuche und cruisen mit weit geöffneten Autofenstern durch die wabernd-grüne Monotonie der Zuckerrohrfelder. Pamplemousses liegt im Osten der Insel. Zur Stadt gehört der Sir Seewoosagur Ramgoolam Botanical Garden, einer der bedeutendsten und artenreichsten Botanischen Gärten weltweit.

»Noch so'n schräger Name«, wundert sich die Tochter, als Jean den Namen des Garten-Gründers erwähnt. Pierre Poivre, »Peter Pfeffer«, ist ein VIP aus längst vergangenen Inselzeiten. Poivre war Missionar und wollte, wie passend, einen Gewürzgarten auf Mauritius anlegen, um Sansibar Konkurrenz zu machen. Er importierte unzählige Pflanzen aus allen Ländern. Nicht bloß Pfeffer, Nelken und Safran. Auch Raritäten wie die Königspalme, oder die große Wasserlilie vom Amazonas.

Vor dem schmiedeeisernen Parktor macht Jean Michel uns mit Jacques Gervais bekannt. Einem kleinen, sonnenverhutzelten Mann, dem Parkführer. Seit 30 Jahren wandert Jaques mit seinen Besuchern durch den Park. »Tikoulou?, den kenn ich nicht«, knurrt der Alte auf die Frage meiner Tochter. Er ist ein wandelndes Botaniklexikon, kein Experte für Jugendliteratur.

»Die Königspalme stammt aus Kuba«, schnarrt Jaques und streicht liebevoll über einen rauen Stamm. Dunkelgrüne Ingwerbüsche brachte Poivre von Sansibar mit, den zauberhaften Lotos, dessen getrocknete Fruchtkapsel aussieht wie überdimensionale Duschköpfe aus Asien. Lauter Schätze, die wir nach kurzer Betrachtung links liegen lassen. Die Tochter ist ungeduldig: »Jaques, wo sind denn die XL-Wasserlilien, die Tikoulou zu einem Floß umfunktionierte?« Endlich kommen wir am großen Teich an. Sie lässt sich bäuchlings nieder, um treckerreifengroße Wasserlilienblätter mit dem iPod festzuhalten. »Ist ja fett!«, ruft sie, entsprechend beeindruckt. Zum Glück kommt sie nicht auf die Idee, zu testen, ob die Blätter tragfähig sind.

Nur wenige Kilometer östlich von Pamplemousses liegt das Zuckerrohrmuseum. Ein Mix aus interaktiver Animation und Oldschool-Museum, mit dem die jahrhundertealte Geschichte der Zuckerrohrinsel erzählt wird. Untergebracht in einer ausgedienten Fabrik und, zugegeben, auf den ersten Metern etwas eintönig. »Ein Großteil der Bevölkerung arbeitet noch heute auf den Zuckerrohrfeldern«, erzählt Jean Michel. Über 40 Prozent der Insel sind von grünen Monokulturfeldern bedeckt. Das Rohr muss wie früher mit der Machete geschlagen werden. Ein Knochenjob bei der tropischen Hitze. Später werden die langstieligen Pflanzen in großen Fabriken zu Zucker, Rum oder Essig weiterverarbeitet. »Tikoulous Familie ackert auch auf den Zuckerrohrfeldern«, sagt die Tochter. »Muss heftig sein.« Jean Michel hebt die Schultern. Davon haben ihm seine Jungs scheinbar nichts erzählt.

Wir steigen wieder ins Auto. Die Extradosis Inselhistorie hat uns hungrig gemacht. Vor den großen Markthallen von Port Louis wartet Curtis Saminadas, einer der Hotelkochs. »Nachher gibt’s ein Seafood Vindaye«, verspricht der Mauritianer, groß, stattlicher Bauch und tief sitzende Hose, als wir durch das imposante Art-Déco-Gebäude schlendern. In Curtis Cooking Class erwartet uns eine mauritianische Spezialität aus Knoblauch, Garnelen, Fisch und roten Zwiebeln. "Lecker und so scharf, dass selbst Locals weinen", lächelt Jean Michel, der uns beim Zutaten shoppen begleitet. «Na toll!«, sagt meine Tochter. Und rümpft die Nase.

In der Markthalle riecht es nach nassem Steinboden, heißer Luft und fremdartigen Gewürzen. Sie bestaunt aufgeschichtete Berge aus kleinen Tomaten, sogenannte Love Apples. Unter das Stimmengewirr mischt sich Musik. Curtis grüßt alte Bekannte und zeigt uns nebenbei Früchte und Gewürze. Es gibt Safran, mehrere Arten von getrockneter oder eingelegter Vanille, Granatäpfel und pinkfarbene Drachenfrüchte. Völlig geplättet sind wir, als uns Tisane Mootoosamy, ein hochgewachsener Inder, an seinem Kräuterstand auf Deutsch anspricht. »Wollt ihr was kaufen?«, fragt er grinsend. Tisane erzählt uns, dass er selbst eine Hamburger Apotheke im Stadtteil Eppendorf mit seinen Heilkräutern und Mixturen beliefert. Wie klein doch die Welt ist!

Auf dem Heimweg verhandelt die Tochter. »Geh du mit Curtis in die Küche«, schlägt sie vor, »ich lese noch am Strand.« Was denn, Lesen? Das ist ja mal was ganz neues, denke ich. »Tikoulou, stimmt’s?« Sie grinst und sagt: »Klar. Der hat bestimmt noch mehr Geschichten auf Lager.«

Fotos: Kerstin Walker

Infos:

Spezialangebote buchen: Der Veranstalter Trauminsel Reisen ist auf Reisepakete im Indischen Ozean spezialisiert: www.trauminselreisen.de

Hotels auf Mauritius mit Sozialengagement: 

Angsana Balaclava

Besuch des Marktes in den Art Decohallen Port Louis mit Küchenchef Curtis, er stammt aus Bambous
Turtle Bay
Mauritius
T: 00230.204.1888
www.angsana.com

Hotels mit Sozialengagement vor Ort

Long Beach Hotel

Unterstützt einen Kindergarten und eine Kinderkrebsstation im Krankenhaus
Coastal Road
Belle Mare
T: 00230.401.1919
www.longbeachmauritius.com  und www.sunresortshotels.com

Shanti Maurice

Special: Grandma’s Kitchen, Abendessen in einer mauritianischen Familie, der Erlös kommt der Familie zugute
A Nira Resort
Riviere des Galets
Chemin Grenier
Mauritius
T: 00230.603.7200
www.shantimaurice.com