Neue Zürcher Zeitung

Mit dem Kind durch Sansibar

Wo der Pfeffer wächst


Sansibar ist, wie es klingt. Sanft, strahlend und farbenfroh. "Saaaan-si-bar", summt die Tochter, elf Jahre alt, auf der Fahrt über die Insel. Unser Guide Abdul rauscht mit uns im offenen Sammeltaxi, einem Dala-Dala, vorbei an winzigen Dörfern und an Stränden, die übersät sind mit verwitternden Fischerbooten. Verschleierte Mädchen in langen Kleidern hüpfen gefährlich nah der Strasse entlang. Eine Reise antreten, nur um zu sehen, wo der Pfeffer wächst, ist eigentlich Wahnsinn. Trotzdem. Nicht bloss für mein Kind ist es sinnlich zu entdecken, woher die Würze kommt, durch die unsere Speisen intensiver schmecken.

Vergangener Reichtum

"Sansibars Plantagen liegen im Zentrum der Insel", erklärt Abdul. Er selbst hat sechs Kinder, das Jüngste, von seiner zweiten Frau, besucht die private Schule in Stone Town. Das Schulgeld ist hoch, und so übernimmt Abdul jede Tour, die er bekommen kann. Zeigt Reisenden den tropischen Jozani Forest im Südosten, den weltweit einzigen Nationalpark, in dem afrikanische Colobus-Affen durch die Baumwipfel toben. Läuft geduldig mit seinen Besuchern durch üppig-saftige Gewürzplantagen mit Zimt, Pfeffer, Nelken, Muskatnuss oder Vanille. Vor Jahrhunderten brachten sie der ostafrikanischen Insel unsagbaren Reichtum ein. Heute aber ist die Arbeitslosigkeit erschreckend hoch und der Tourismus einer der wenigen möglichen Wirtschaftszweige.

Wir steigen aus. "Riechst du das?", ruft die Tochter und teilt Reihen dichten Grüns. Die botanischen Kostbarkeiten werden auf den quirligen Märkten in Stone Town verkauft oder mit dem Schiff in die Welt exportiert. "Schau, Pfefferbeeren, diese hier werden langsam rot." Abdul biegt die Ranken einer Kletterpflanze. Daran finden sich beerenförmige Früchte in allen Reifestadien. Um ihn frisch, im grünen Zustand zu vermarkten, wird Pfeffer früh geerntet und in Salzwasser eingelegt oder gefriergetrocknet. Der rote stammt von ganz reifen Früchten. Schwarzer wird durch Trocknen haltbar gemacht.

Auf Sansibar leben vor allem Araber, Schwarzafrikaner und Inder. Über 90 Prozent sind, wie Abdul, Muslime. "Unsere Kinder lernen im Schichtbetrieb", berichtet er lachend und fügt an: "Am Nachmittag besuchen sie die Koranschule. Und alle paar Monate wechselt der Turnus." Wir sehen langgestreckte Baracken aus Beton am Strassenrand, in denen staatliche Schulen untergebracht sind. 70 bis 80 Kinder lernen gemeinsam in einem Klassenraum. Meine Tochter staunt. Und schweigt. Ich denke an europäische Verhältnisse, wo Klassengrössen von 30 Kindern zu Recht bereits als unzumutbar empfunden werden. Die Arbeitslosigkeit wird natürlich durch das unzulängliche Bildungssystem nicht vermindert. Sansibar gehört zu Tansania, ist aber halbautonom. Manche Wahl gipfelt in Ausschreitungen.

Als wir am frühen Morgen in Stone Town ankamen, bot sich ein Bild, das kaum zu dieser friedlichen Insel zu passen schien. Qualmende Autoreifen, dazwischen verkohlte Holzbalken als Strassenblockaden. Abdul musste den Überresten gewaltsamer Auseinandersetzungen geschickt ausweichen.

Friedlicher Norden

Im Norden der Insel dagegen, wo wir nach der unvergesslichen Spice-Tour in der Ortschaft Nungwi landen, ist von politischer Spannung gar nichts zu spüren. "Die Menschen hier leben von dem, was das Meer hergibt", erklärt Abdul. Ihr Auskommen ist zwar bescheiden, doch Hunger herrscht so gut wie nirgends. – Abdul läuft mit meiner Tochter vor, zum alten Leuchtturm. Von hier fahren Fischer wie eh und je mit einer Dhau, einem Holzboot mit grossem Segel, hinaus. Frauen züchten Rotalgen im flachen Wasser wie vielerorts an der Ostküste. Bei Ebbe bücken sie sich nach dem kostbaren Grünzeug, sammeln es in mühsamer Handarbeit. Anschliessend werden sie ihre Ausbeute verkaufen.

Gewürze, Meeresfrüchte, Obst – auf Sansibar gedeiht alles im Überfluss. Auch Exotisches wie Nelken, Baobab, Kalahari-Melone, Kaffee oder Zimt. Die Südafrikanerin Elizabeth Brand entwickelt aus diesen Ingredienzien Kosmetik. Gleich neben dem alten Leuchtturm etwa befindet sich das Hotel Essque Zalu Sansibar mit einem Spa, in dem Brands Produkte zum Einsatz kommen.

"Was soll ich dort?", protestiert die Tochter. Was interessiert es eine Elfjährige, dass die Zutaten für hochwertige Körperöle, kühlende Gels und erfrischende Peelings aus Kenya, Tansania und von der Insel Sansibar stammen und nach dem Prinzip fairen Handels erworben werden? Im Spa beschäftigt Liz Brand ausschliesslich Frauen von der Insel Sansibar und aus Dar es Salaam zu fairen Bedingungen: mit festen Arbeitsverträgen, angemessenem Gehalt, dem Recht auf Mutterschutz und auf freie Tage.

Ein Wohlfühl-Tempel

"Die ganzheitliche Philosophie ist in Südafrika längst auf dem Vormarsch", erklärt die Pionierin. In ihrem Heimatland stellen Hoteliers und Tour-Operators ihre Produkte zunehmend auf Nachhaltigkeit um. Seit neun Jahren wird dieses Engagement mit dem Siegel "Fair Trade in Tourism" von der gleichnamigen Nichtregierungsorganisation in Johannesburg ausgezeichnet. "In Tansania und auf Sansibar ist man noch nicht so weit. Aber wir arbeiten daran", betont Brand voller Zuversicht.

Philomena Renoux, ihre Spa-Managerin, und ein Team aus rund 20 Mitarbeiterinnen agieren in einem Haus mit spitzem Kokosdach. Philomena, zierlich und mit rotem Turban, nimmt meine Tochter mit in die Oase, von der das Essque Zalu Sansibar umgeben ist. Damit weckt sie die Neugier des Kindes, denn ringsum wächst alles, was auch auf den Gewürzplantagen gedeiht. Philomena gräbt ein Stück einer knorrigen Wurzel aus: "Ingwer!"

Die Elfjährige erkennt auf Anhieb einen Zimtstrauch, welcher mit seinen kleinen grünen Blättern eher unscheinbar aussieht, dank dem durchdringenden Duft der Rinde aber leicht zu erschnüffeln ist. Schwierig wird es, als Philomena auf einen gewaltigen Baum mit dickem Stamm zeigt. Lindgrüne, pelzige Früchte baumeln wie kostbare kleine Taschen unter den Blättern. "Der Baobab-Baum", erläutert die Tansanierin. "Man sagt, er gedeihe nur an Orten, an denen er sich wohl fühle."